Seit ich mich erinnern kann - und ich denke, das reicht so bis in mein zartes drittes Lebensjahr zurück - kannte ich diesen, meinen Nussbaum. Nachdem meine Eltern nicht mehr leben, meine Schwester um gut fünfeinhalb Jahre jünger ist als ich und es auch sonst niemandem mehr gibt, an den ich mich im nahen Umfeld noch so weit zurückerinnern könnte, war das also mein ältester Freund. Das Lebewesen, mit dem ich bis heute die längste mir bewusste Zeit geteilt habe.
Gestern oder vorgestern, also rund um den 23. oder 24. März wurde er gefällt.
Soweit ich weiß, wurde er also um die 97 Jahre alt. Für einen Nussbaum ein stolzes Alter und dennoch hätte er es vielleicht noch einige Jahre gerichtet. Auch wenn einige seiner kräftigen Äste schon etwas morsch waren, wenn seine zernarbte Borke von vielen Jahrzehnten erzählen konnte, die der alte Freund lange Zeit allein auf der weiten Wiese verbrachte.
Gepflanzt wurde mein pflanzlicher Wegbegleiter wahrscheinlich so um 1929. Damals wurde auch mein Elternhaus errichtet. Das sogenannte "Augustin-Haus". Augustin deshalb, weil sein Erbauer und erster Besitzer ein Pregartner Gendarm mit Familiennamen Augustin hieß.
Gut 60 Meter vom Haus entfernt ließ diese Familie Augustin auch einen Brunnen errichten. Nicht geschlagen, sondern gegraben. Mit fetten Betonrohren geschalt und zehn Meter tief, lag dieser Brunnen inmitten einer Wiese. Und rundherum waren wieder Wiesen und Felder. Pregarten reichte damals noch nicht so weit hinaus und das Augustin-Häusl war eins derjenigen, die am äußersten bebauten Rand des Marktes lagen.
Neben dem Brunnen wurde damals ein junges Nussbäumchen gepflanzt und der gedieh prächtig. Seit ich ihn (wissentlich oder bewusst halt) kannte und wahrnehmen durfte, war er ein stolzer Baum mit gut acht bis zehn Metern Höhe und bis auf ein zwei kräftige Äste, die er - auch schon wieder vor Jahrzehnten - durch heftige Gewitter verlor, habe ich ihn mehr oder weniger unverändert in Erinnerung gehabt. Die graue, zerklüftete Rinde, die herb duftenden Blätter, seine merkwürdig kleinen Nüsse (ich hab mir sagen lassen, dass man die Steinnüsse nennt) und seine vielen Samenwürsterl im späteren Frühling...so unspektakulär aber für mich doch einprägsam habe ich ihn Jahr und Tag erlebt.
Mein Freund war für mich nicht einfach nur ein Baum. Nein, nein, ich habe ihn immer ganz bewusst als Lebewesen wahrgenommen. Nicht einfach nur als ein hölzernes Gewächs, eine große Pflanze oder wie auch immer. Ich habe ihm zwar nie einen Namen gegeben, aber ich habe oft mit ihm gesprochen. Und ich habe seinen Geschichten gelauscht. Keine großen Abenteuer, keine verwegenen Episoden oder etwa an Sagen und Legenden grenzenden Erzählungen. Es waren mehr die Alltäglichkeiten und gerade deshalb vielleicht die wertvollen Erinnerungen, die dieser Baum mit mir teilte. Der Kreislauf der Natur, das zarte Sprießen seiner so gut riechenden Blätter, das Zwitschern der unzähligen Vögel in seiner breiten Krone, das Klopfen des Spechts, das neckische Spiel der Eichhörnchen auf seinen starken, grauen Armen.
Der kühle Hauch seines grünen Daches in heißen Sommern, das klatschende Tropfen des Regens auf seinen dunklen Blättern und das sanfte Rascheln, wenn eben diese Blätter im Herbst golden zu Boden segelten und eine dichte Laubschicht rund um den alten Brunnen entstand.
Und auch vom Winter konnte mir mein Freund viel erzählen. Wenn er da die meiste Zeit seines fast hundertjährigen Lebens einsam auf der Wiese stand und die kalten Winde an ihm zerrten, wenn dicker und patziger Schnee seine armförmigen Äste anstrengte.
Er war mein Fixpunkt auf der Wiese hinterm Elternhaus. Mein Leuchtturm.
Als kleiner Bub schon bin ich immer zu meinem Freund gegangen. Der Brunnen wurde schon lange nicht mehr benutzt, die hölzeren Schwengelpumpe war schon längst verfault und gebrochen, aber ich nutzte jede Gelegenheit, um zu meinem Baum zu gehen. In der Wiese war deutlich der Pfad zu erkennen, auf dem ich jeden Tag zum Brunnen und zum Baum ging. Ich setzte mich auf den moosbewachsenen Brunnendeckel und sah die Äste hoch zu seiner mächtigen Krone hinauf. Die Sonne spielte zwischen den Ästen - zwischen Brunnen und Baum war quasi die Nord-Süd-Achse - schöne Lichtspiele und brach sich myriadenfach in den Blättern. Und dieser Baum lehrte mich auch das Klettern. Oft bin ich als Bub an ihm hochgekraxelt und hab dann wie ein Leopard im Affenbrotbaum über meine herbeiphantasierte Savanne gewacht.
Ich hab einen hölzernen Bollerwagen zum Brunnen und Baum gezerrt. Mit Stangen und alten Decken hab ich ihn zu einem Planenwagen umfunktioniert. Dann war ich in der Prärie. Und mein Baum war der einzige weit und breit in diesen Great Plains meiner Kindheit.
Das Ensemble aus Brunnen und Baum war mein Forschungszentrum wenn ich in ein Schulheft akribisch meine Entdeckungen festhielt. Wenn ich die Ameisen und Heuschrecken, die Käfer und sonstiges Krabbelgetier zeichnete und alle meine "Forschungsergebnisse" eintrug. Unsere Katzen streiften durch das sommerlich hohe Gras der Wiese und ich erkannte darin die Raubkatzen der Savanne. Meine Löwen, Leoparden und Geparde im kindlich imaginierten Afrika. Und wenn's eins unserer Hühner war, dann kam es mir halt wie ein Strauß oder ein Emu vor. Je nach Kontinent auf dem ich grad' meine Expeditionen vornahm.
Später dann stibitzte ich meinem Freund gerne mal ein paar der würzig duftenden Blätter und rollte sie zu Zigaretten und Zigarren. Ja, man kann Nussbaumblätter rauchen und ich wusste das aus Erzählungen meiner Oma, die mir schilderte, wie der Opa hin und wieder - Tabak war nie billig - Nussblätter trocknete und manchmal damit seine "Gwuzelten" etwas streckte.
Viele viele Jahre später versuchte ich alles, um meinen Nussbaumfreund zu erhalten, als es darum ging, das Haus zu bauen und zwar möglichst so, dass ich den Baum nicht schlägern musste. Er stand damit nur gut drei Meter vom Haus entfernt direkt vor dem Küchenfenster. Wenn Eichkatzln zu Besuch kamen, konnte man sie damit aus nächster Nähe von der Küche aus herumtollen sehen. Die Futtersäulen und Vogelhäuser an seinen Ästen waren ebenfalls zum Greifen nahe Beobachtungspunkte für meine geliebten Vögel. Vom Buch- und Bergfink, Grünling, Zeisig, Rotkehlchen, Zaunkönig, Schwarz- und Buntspecht, Kleiber, Türken- und Ringeltauben, Staren und natürlich hunderten Haus- und Feldsperlingen tummelte sich alles als fliegende Gäste auf meinem Baum.
In meiner Kindheit waren es natürlich noch viel viel mehr verschiedene Vogerl, aber das weiß man ja man ja, dass die Natur seit Jahrzehnten schon auf dem Rückzug ist. Wie auch die kleinen Rebhühner, die wir beide - mein Baum und ich - in längst vergangenen Wintern auf der Nachbarwiese beobachten durften. Lange vorbei, aber nicht vergessen.
Und jetzt ist es mit meinem Baumfreund vorbei.
Ich hatte Tränen in den Augen, als ich den Stumpf ansah, die dicken Teile seines abgesägten Stammes, die gänzen Äste und Ästchen. Gefällt, zersägt und zerstückelt liegt er nun zu meinen Füßen. Vorbei der ganze Stolz, die ganze Pracht und seine Widerborstigkeit gegen fast hundert Jahre voller Hitze, Regen, Wind und Schnee.
Ich konnte ihn nicht mehr umarmen, wie ich es soviele Jahre immer wieder getan hab. Ich konnte ihm nicht mehr zuflüstern - meinen Kopf an seinen Stamm gelehnt - dass ich mich ihm verbunden fühle, dass ich dankbar war für die vielen, vielen Stunden einer stillen und beinahe transzendenten Einigkeit. Ein unbeschreibliches Band der Vertrautheit und des gegenseitigen Kennens verband uns gut sechzig Jahre lang. Sollte ein Baum Gedanken lesen können oder eine Art Wesen wie die mystischen Ents aus dem Herrn der Ringe sein, dann bin ich mir sicher, dass mein Nussbaum alles über mich wusste.
Er war "nur" ein Baum, aber vielleicht grade durch diese lange Zeit des gegenseitigen "Kennens", diesem nebeneinander Aufwachsen, sich beinahe tagtäglich Sehen, Mitbekommen und Wahrnehmen habe ich ihn tatsächlich nicht als Baum, als große Pflanze, sondern als Wesen empfunden, das mir sehr nahestand. Und jetzt, wo er nicht mehr ist, fühle ich einen Schmerz und eine Leere, wie es mir sonst immer nur beim Abschied eins meiner geliebten Tiere ging.
Wenn Bäume so etwas wie eine Seele haben, dann hoffe ich, dass mein Nussbaum jetzt im Baumhimmel in einem großen Nussbaumhain unter seinen Brüdern und Schwestern steht.
Leb wohl, mein hölzerner Freund, sprieße und blühe! Wirf kühle Schatten mit deinen wunderschönen Blättern und erfreue alle Tiere rund um dich mit goldener Pracht, wenn der Herbst uns alle gemahnt, dass die Zeit vergeht und alles ein Ende hat.
Kommentar hinzufügen
Kommentare